Inselkeltische Spiritualität

Meine zunächst unbewusste, doch tiefe seelische Verbundenheit zu den keltischen Inseln zeigte sich früh. Im Alter von drei Jahren ließ ich an einem Nordseestrand meine Sandförmchen im Stich und machte mich in Pulli und Latzhose zu Fuß auf den Weg nach Irland. Bevor die Wellen über mir zusammenschlugen, wurde ich aus dem Meer gefischt und erschrocken befragt, was ich mir dabei gedacht hätte. Meine ernsthafte, klare Antwort lautete „Ich wollte sehen, was dahinter ist“.

Psychologisch und spirituell steht der Ozean für die Entstehung des Lebens, die unendliche Weite und Quelle, aus der die Schöpfung hervorgeht, aber auch für das kollektive Unbewusste und für Gefühle. Der Strand ist der Ort, wo sich Bewusstsein und Unbewusstsein, Individuum und kollektive Einheit, Diesseits und Jenseits berühren.

So wie man am Strand steht und aufs Meer blickt, ohne seine wahre Tiefe ergründen zu können, so nehmen wir auch in unserem Alltag nur ein Minimum der Realität war, die uns umgibt.

Aber auch unsere Sinne lassen sich schulen, unser Bewusstsein lässt sich ausdehnen, indem wir uns Schrittchen für Schrittchen über diese Grenze wagen, unsere eigenen Tiefen sowie jenseitige Welten ergründen, uns des Unbewussten bewusst werden und uns damit immer mehr der wahren Quelle, unserer Seele, unserem göttlichen Funken annähern.

„Ein keltisches Lied – taucht durch brausende Wellen.

Es vertraut und fürchtet sich nicht.

Es findet sein Ziel und geht auf in ihm

im goldenen Morgenlicht.“

(„Ein keltisches Lied“, Elisa Zuther)

Kaum eine Kultur hat es auf so wunderbare Weise verstanden, dieses Ausdehnen des Bewusstseins, diese Weite der Seele mit so einer bodenständigen, humorvollen und zauberhaften Naturverbundenheit zu vereinen, wie die Inselkelten.

Die Weite des Meeres, die Ewigkeit der Wellenbewegung, Sonne und Mond, grüne Hügel, Torf und feenhafte Wälder, aber auch Sturm, Regen, lebensbedrohliche Brandung und Hungersnöte forderten die Menschen heraus, regten die Fantasie an und warfen sie auf ihren Glauben, aber auch auf ihre Tatkraft zurück. Geist und Erde, Seele und Wirken wurden auf wunderbare Weise zusammengeführt.

Alles geschah im Sinne der Einheit. Der göttliche Geist webte sich nach dem Verständnis der Inselkelten durch alles, was ist. Die Natur, die Tiere und die Menschen waren ebenso Ausdruck des Göttlichen wie die geistigen Ebenen der Verstorbenen, Heiligen und Engelwelten.

Ziel der inselkeltischen Spiritualität war es, die Dualität zu überwinden und in Einklang mit allem, was ist, zu gelangen. Vor allem auch die Gesänge der Barden haben dies zum Ausdruck gebracht – sie haben durch ihr „Ich bin…“ die Schöpfung buchstäblich ins Leben gesungen, den Schleier zwischen Strand und Meer, Diesseits und Jenseits, Innen und Außen aufgehoben und Geist im Irdischen manifestiert. Noch heute schenkt keltische Musik eine solch klangvolle Tiefe und Weite, die durch alle Herausforderungen des Lebens hindurchtragen kann. Dieser Blick „hinter das Offensichtliche“ und der Weg aus dem dualen Erleben in die Einheit faszinierten mich. Und nirgendwo hat sich mir dieser Blick so geöffnet wie in Irland. Viele dieser „Einblicke“ habe ich versucht, in Fotografien festzuhalten und in Poesie zu beschreiben… Dieses Ausdehnen und „Dahinterschauen“ mündete in einen Kreislauf von äußeren und inneren Bildern und Eindrücken, von Bitten und Empfangen, von Imagination und Inspiration…

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